Los 719

L. Burger / G. Colonus (d. i. Wilhelm Mayer), Der Wahlkampf. Lahr (1880). - Dazu: Abschrift des Drucks.

Schätzpreis
€ 300
Ausrufpreis
€ 200
Los: 719
Kategorie: Manuskripte und Autographen
Die Stiefelputzer oder der Wahlkampf. Illustrierte zeitgenössische Abschrift einer Marburger politischen Schmähschrift. 20,2 x 17 cm. Mit 31 Illustrationen in schwarzer Tinte. 28 SS., 1 Bl. Deutsche Kurrent in schwarzer Tinte. Kapitelzählung in rotem, Personenschlüssel in blauem Buntstift. Pp.-Umschlag mit Deckelschild.

(Umschlag minimal fleckig und gebräunt. 2 Besitzvermerke auf dem ersten Blatt recto. Gebräunt.)

Handschriftliche Abschrift vermutlich der 1870er-Jahre nach der anonym erschienenen, dem Landrat Wilhelm Mayer (Pseudonym „G. Colonus“) zugeschriebenen politischen Satire. Die Druckschrift ist bibliographisch und archivalisch im Zusammenhang mit einem Strafverfahren gegen Mayer wegen Beleidigung durch die Presse nachweisbar; die Akten des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz enthalten sowohl die Schmähschrift als auch einen „Prozess Colonus betreffend die Schmähschrift ‚Die Stiefelputzer oder der Wahlkampf‘“, als Separatdruck 1877. Die vorliegende Handschrift geht über eine bloße Kopie hinaus. Sie enthält auf S. 28 zunächst einen Schlüssel zur Auflösung der im Text verwendeten Pseudonyme, danach folgt auf dem letzten Blatt eine handschriftliche Notiz mit dem Vermerk, dass die „Broschüre confiscirt“ wurde und es einen „Beleidigungsproceß“ gegeben habe, infolge dessen der Verfasser Landrat Mayer versetzt und zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Ferner sei der Architekt des Marburger Universitätsgebäudes, Carl Schäfer, in den Vorgang verwickelt gewesen. Abschließend ordnet der unbekannte Schreiber die Geschehnisse politisch ein: „Es war dieses um die Zeit wo die Partheiwirthschaft in Marburg in Blüthe kam im Jahre 1874. Der Streit entstand zwischen den Liberalen und Conservativen, zu letzteren gehörte der Landrath Mayer“. Die Notiz ist in ihrem historischen Kern durch den archivalisch belegten Strafprozess gegen Wilhelm Mayer wegen der Stiefelputzer-Schrift bestätigt. Ob die vorliegende Abschrift unmittelbar infolge der Beschlagnahme der Druckschrift angefertigt wurde, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit feststellen; die Notiz zum Schluss macht einen solchen Entstehungszusammenhang jedoch plausibel.

Dazu:
Burger, Ludwig (Illustr.) / G. Colonus (d. i. Wilhelm Mayer): Der Wahlkampf. Eine lustige Geschichte, in welcher gezeigt wird, wie Wahlen gemacht werden. Dritte Auflage. Lahr: J. H. Geiger (1880). 22,7 x 15 cm. OrUmschlag. Mit 31 Abb. von L. Burger. 31 SS. (Umschlagvorderseite aus der Bindung gelöst und mit Randdefekten. Bindung gelockert. Innen gering fleckig.)