Los 723

Sigmund Freud. – Vorlesungsmitschrift „Einzelne Kapitel aus der Lehre von der Psychoanalyse“. Wien 1912/13. Fragment.

Schätzpreis
€ 750
Ausrufpreis
€ 500
Los: 723
Kategorie: Manuskripte und Autographen
SIGMUND FREUD (1856 Freiberg in Mähren – 1939 London)
Begründer der Psychoanalyse

Mitschrift zur Vorlesung „Einzelne Kapitel aus der Lehre von der Psychoanalyse“, gehalten von Sigmund Freud an der Universität Wien im Wintersemester 1912/13. Deutsche Handschrift in Bleistift auf Papier. 20,2 x 16,5 cm. 26 Blatt. Klammergeheftetes Notizheft mit Leinenrücken und Deckelschild.

(Berieben und bestoßen. Umschlag mit Knickspur. 6 Bll. aus der Bindung gelöst und separat beiliegend; Randdefekte. Ein Blatt mit größerem Einriss. Gebräunt. Innenseite des Umschlags mit Stempel des Ministerialsekretärs Karl Ritter von Pichler, Wien.)

Das digital einsehbare Vorlesungsverzeichnis führt Freuds Vorlesung, damals außerordentlicher Professor, unter dem Abschnitt „XVI. Psychiatrie“. Die Veranstaltung fand samstags von 7 bis 9 Uhr nur gegen persönliche Anmeldung im Hörsaal der psychiatrischen Klinik statt. Die Vorlesung war damit institutionell noch dem Bereich der Psychiatrie zugeordnet, zugleich aber ausdrücklich der damals noch jungen psychoanalytischen Lehre gewidmet. - Die vorliegende Mitschrift umfasst neun Vorlesungseinheiten. Die Aufzeichnungen setzen am 26. Oktober 1912 mit den methodischen Schwierigkeiten der Psychoanalyse ein, darunter Freuds Forderung nach Selbstanalyse und die programmatische Feststellung, dass es keine Wissenschaft gebe, „für die der Mensch weniger geboren wäre, als die Psychoanalyse“. Es folgen die Grundbegriffe des Unbewussten, der Verdrängung, des Komplexes, des Widerstands und des Triebes, gefolgt von Libido, Ambivalenz und Introversion. Weitere Vorlesungen behandeln Symbolik und Traumdeutung, einen Fall von Zwangshandlungen, die Bedingungen der Entstehung einer Neurose, die Rolle der Libido bei neurotischen Erkrankungen sowie die Mechanismen der Genesung. Die letzte überlieferte Einheit vom 25. Januar 1913 behandelt die Psychoanalyse ausdrücklich von ihrer therapeutischen Seite. - Die Mitschrift zeigt Freud nicht anhand eines später redigierten oder für den Druck bestimmten Textes, sondern in der Situation der akademischen Lehre, in der zentrale Begriffe und klinische Fragestellungen unmittelbar nebeneinander entwickelt und erläutert werden. Formulierungen wie „Neurotische Veränderungen sind Schicksale der Libido“ oder die Erörterung, dass Heilung nicht durch eine freie Betätigung der Triebe erreicht werde, verweisen auf die dynamische, klinisch orientierte Gestalt der Psychoanalyse um 1912/13. - Die zeitliche Einordnung ist von besonderem Interesse. Freud befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer Phase intensiver theoretischer Weiterentwicklung und institutioneller Konsolidierung der Psychoanalyse. Seine Vorlesungen standen zugleich in engem Zusammenhang mit dem Wiener Kreis der Psychoanalyse. Weiterhin interessant ist die Frage, ob Lou Andreas-Salomé während ihres Wiener Aufenthalts 1912/13 eben diese Vorlesung besuchte. Sie hielt sich von Oktober 1912 bis April 1913 in Wien auf und nahm in dieser Zeit an Veranstaltungen Freuds sowie an den Sitzungen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung teil. Ihre später unter dem Titel ‚In der Schule bei Freud‘ veröffentlichten Aufzeichnungen gehören zu den bekanntesten persönlichen Zeugnissen dieser Wiener Lehr- und Diskussionswelt. Sollte sich ein Besuch gerade dieser Vorlesung bestätigen lassen, wäre die vorliegende Mitschrift als ein interessantes Gegenstück zu Andreas-Salomés subjektiv-reflektierendem Zeugnis zu betrachten: Während ihre Aufzeichnungen die persönliche Begegnung mit Freud und die Wirkung seiner Lehre auf eine Schülerin dokumentieren, bewahrt dieses Notizheft die akademische Rezeption und unmittelbare Mitschrift der Lehrinhalte. Für die Forschung besitzt die Handschrift damit einen doppelten Quellenwert. Zum einen ist sie ein Zeugnis der Frühgeschichte der akademischen Institutionalisierung der Psychoanalyse an der Universität Wien, zum anderen kann sie als Überlieferungsträger für die Rekonstruktion von Freuds tatsächlich vorgetragenem Lehrstoff dienen. Da Freud seine Vorlesungen nicht in einer regulären, autorisierten Druckfassung veröffentlichte, sind zeitgenössische Mitschriften besonders aufschlussreich für die Erforschung von Terminologie, Argumentationsführung, Beispielen und der mündlichen Didaktik seiner psychoanalytischen Lehre. Eine solche Quelle erlaubt zugleich den Abgleich mit Freuds publizierten Schriften sowie mit anderen zeitgenössischen Zeugnissen.

Dem Notizheft liegen 8 Bll. eines Typoskripts mit dem Titel „Salomes Tanz“ bei.