Los 721
* Paul Ehrlich. 5 maschinenschriftliche Briefe mit eigenh. Unterschrift (17.VI.1910-17.XI.1910). Eingebunden in das Buch „Paul Ehrlich als Mensch und Arbeiter“.
Schätzpreis
€ 3.000
Ausrufpreis
€ 2.000
Los:
721
Kategorie:
Manuskripte und Autographen
PAUL EHRLICH (1854 Strehlen – 1915 Bad Homburg)
Mediziner, Entdecker des ersten Antibiotikums und Mitbegründer der modernen Chemotherapie
5 maschinenschriftliche Briefe mit eigenhändiger Unterschrift. 17.VI.1910-17.XI.1910, ein Brief undatiert. Eingebunden in das Buch „Paul Ehrlich als Mensch und Arbeiter. Erinnerungen aus dreizehn Jahren seines Lebens (1902-1915)“ von Martha Marquardt (Berlin und Leipzig: Deutsche Verlags-Anstalt 1924). 22,4 x 15 cm. OrPp. mit Exlibris Dr. Wilhelms Haucks, Bad Orb, auf dem vorderen Spiegel. Das Exlibris mit handschriftlicher Widmung an Theo Nasemann.
(Einband an Ecken und Kanten leicht berieben, Ecken etwas bestoßen, Rücken gebräunt, winziger Feuchtigkeitsfleck am unteren Rücken, kleiner Einriss am Rückengelenk. Die Briefe gefalzt und am Oberrand aufeinander auf den hinteren Spiegel des Buches montiert. Der erste Brief mit Bräunungsspur. Insgesamt geringe Altersspuren.)
1) Maschinenschriftlicher Brief mit eigenhändiger Unterschrift. Frankfurt am Main, Westendstraße 62, 17. Juni 1910. 2 Blatt. 25 x 20 cm. - An Johann Philipp Leonhardt Hauck, Mediziner an der Universitätsklinik Erlangen. - Ehrlich erbittet nähere Auskunft über den von Hauck beobachteten Fall unangenehmer Nebenerscheinungen. Ehrlich sei bekannt, „dass nach der Injektion in vereinzelten Fällen tachycardische Beschwerden auftreten“; er vermutet, dass die nun festgestellte Schwere auf eine besonders starke Schmerzhaftigkeit des Mittels zurückzuführen sei. Er kündigt eine Sendung von Präparaten in höherer Dosierung an und empfiehlt, „zur subkutanen Injektion die sogenannte monacide Lösung anzuwenden“, da die neuen Präparate sich nicht ganz alkalikar lösen ließen. Eine Lösungsvorschrift fügt Ehrlich dem Schreiben bei (nicht erhalten).
2) Maschinenschriftlicher Brief mit eigenhändiger Unterschrift. Frankfurt am Main, Westendstraße 62, 25. Juni 1910. 1 Blatt. Mit handschriftlichen Korrekturen. 24,5 x 20 cm. - An Hauck, dem er für die ausführliche Übermittlung von Krankengeschichten dankt. Ehrlich äußert sich erneut zu den von Hauck beschriebenen Nebenwirkungen: „Es ist mir doch zweifelhaft, ob in diesem Falle nicht zu einem Theil das auslösende Moment in einer atarken Nervenreizung durch die Injektion gelegen hat. Insbesondere möchte ich die klonischen Zuckungen in den Beinen auf eine lokale Nervenreizung durch die Injektionsflüssigkeit zurückführen. - Wie dem auch sei, solche Fälle sind es eben, die mich verhindern, das Mittel jetzt schon für ambulatorische Behandlung verwenden zu lassen. Wenn ein solcher Unglücksfall einmal auf der Strasse passieren und der Patient verunglücken sollte, so würde dadurch sofort das Mittel diskreditiert werden“.
3) Maschinenschriftlicher Brief mit eigenhändiger Unterschrift. Frankfurt am Main, Georg Speyer-Haus, 15. Juli 1910. 1 Blatt. 25 x 20 cm. - An Hauck. - Ehrlich bittet um Mitteilung der Erfahrungen mit Präparat 606 „für die Zusammenstellung einer Liste“. Hauck möge Ehrlich wegen der Versorgung mit neuem Material kontaktieren, da er „momentan infolge der kolossalen Nachfrage etwas Mangel“ habe.
4) Maschinenschrifticher Brief mit eigenhändiger Unterschrift. Frankfurt am Main, Georg Speyer-Haus, 17. November 1910. 2 Blatt. Mit handschriftlichen Korrekturen. 25 x 20 cm. - An Hauck, der mittlerweile zur intravenösen Behandlung übergegangen ist. Ehrlich führt die Rückfälle bei der Syphilisbehandlung vor allem auf die ungünstige Verabreichung des „606“ zurück. Besonders die subkutane Gabe führe zu einer unzureichenden Resorption und damit zu keiner dauerhaften Wirkung. Durch eine intravenöse Injektion, die nach drei bis vier Wochen wiederholt werden solle, erhofft er sich bessere Ergebnisse hinsichtlich der Rückfälle und des Wassermann-Tests. Ein einheitliches Behandlungsschema sei noch nicht möglich; vielmehr müsse die Therapie je nach der Schwere des Falles individuell angepasst und gegebenenfalls verstärkt werden. Besonders bei frischer primärer und sekundärer Syphilis hält Ehrlich eine intensive Behandlung für notwendig, um gefährliche Rezidive, insbesondere Neurorezidive, zu verhindern.
5) Fragment eines maschinenschriftlichen Briefes mit eigenhändiger Unterschrift. 2 (von 4) Blatt (nummeriert 3 und 4; die ersten beiden Bll. fehlend). - Wohl an Hauck. - Über Nebenwirkungen des Präparates: „Ich glaube daher, dass das Mittel in den obigen Dosen nicht als gefährlich bezeichnet werden kann - sicher nicht gefährlicher wie bestimmte vielfach angewandte Quecksilberpräparate, z.B. das ‚graue Oel‘. Auf jeden Fall scheint es mir daher angezeigt, zurzeit nur Fälle zu behandeln, die sich in Krankenhauspflege befinden, und die Methode vorerst nicht in der Privatpraxis oder bei ambulantem, poliklinischem Material in Anwendung zu ziehen. Ein Nachteil des Mittels ist die große Schmerzhaftigkeit der Injektion“. Ehrlich berichtet aber auch von großen Erfolgen bei der Anwendung.
Dokumentation der frühen klinischen Erprobung des bahnbrechenden Präparats „606“ (Salvarsan), mit dem Paul Ehrlich einen entscheidenden Meilenstein in der Geschichte der Chemotherapie setzte. Das 1910 erstmals breit klinisch eingesetzte Präparat, entwickelt im Umfeld des von Ehrlich begründeten Instituts für experimentelle Therapie in Frankfurt, galt als erste gezielt gegen einen Krankheitserreger entwickelte chemotherapeutische Substanz und wurde insbesondere zur Behandlung der Syphilis eingesetzt. Im Austausch mit dem Erlanger Mediziner Johann Philipp Leonhardt Hauck erörtert Ehrlich detailliert Nebenwirkungen, Dosierung und Applikationsformen, wertet Krankengeschichten aus und entwickelt seine therapeutischen Empfehlungen unmittelbar anhand der gewonnenen klinischen Erfahrungen weiter. Die Briefe vermitteln dabei eindrucksvoll die Herausforderungen der frühen Salvarsan-Therapie. Das sauerstoffempfindliche Präparat war in der Handhabung aufwendig: Es wurde unter möglichst luftarmen Bedingungen aufbewahrt und musste vor der Injektion zunächst mit Natronlauge gelöst bzw. neutralisiert und anschließend mit Kochsalzlösung für die Anwendung aufbereitet werden. Die dadurch erforderliche präzise und zeitnahe Zubereitung sowie die schmerzhafte Injektion und mögliche unerwünschte Reaktionen machten eine sorgfältige ärztliche Überwachung unerlässlich. Ehrlich warnt daher ausdrücklich vor einer vorschnellen ambulanten Anwendung und plädiert zunächst für die Behandlung unter stationären Bedingungen. Zugleich dokumentieren die Briefe den rasanten Erfolg und die enorme Nachfrage nach dem neuen Mittel: Ehrlich spricht bereits von einem „kolossalen“ Bedarf und diskutiert die intravenöse Gabe als aussichtsreichere Methode, um die unzureichende Resorption bei subkutaner Anwendung und damit verbundene Rückfälle zu vermindern. Von besonderem wissenschafts- und medizinhistorischem Rang ist somit die unmittelbare Einsehbarkeit eines entscheidenden Moments der modernen Arzneimitteltherapie: Die Briefe zeigen Salvarsan nicht nur als medizinische Innovation, sondern dessen Entwicklung und Erprobung im konkreten klinischen Dialog und machen Ehrlichs experimentell-pragmatische Arbeitsweise ebenso sichtbar wie seine ausgeprägte Verantwortung gegenüber den behandelten Patienten.
Mediziner, Entdecker des ersten Antibiotikums und Mitbegründer der modernen Chemotherapie
5 maschinenschriftliche Briefe mit eigenhändiger Unterschrift. 17.VI.1910-17.XI.1910, ein Brief undatiert. Eingebunden in das Buch „Paul Ehrlich als Mensch und Arbeiter. Erinnerungen aus dreizehn Jahren seines Lebens (1902-1915)“ von Martha Marquardt (Berlin und Leipzig: Deutsche Verlags-Anstalt 1924). 22,4 x 15 cm. OrPp. mit Exlibris Dr. Wilhelms Haucks, Bad Orb, auf dem vorderen Spiegel. Das Exlibris mit handschriftlicher Widmung an Theo Nasemann.
(Einband an Ecken und Kanten leicht berieben, Ecken etwas bestoßen, Rücken gebräunt, winziger Feuchtigkeitsfleck am unteren Rücken, kleiner Einriss am Rückengelenk. Die Briefe gefalzt und am Oberrand aufeinander auf den hinteren Spiegel des Buches montiert. Der erste Brief mit Bräunungsspur. Insgesamt geringe Altersspuren.)
1) Maschinenschriftlicher Brief mit eigenhändiger Unterschrift. Frankfurt am Main, Westendstraße 62, 17. Juni 1910. 2 Blatt. 25 x 20 cm. - An Johann Philipp Leonhardt Hauck, Mediziner an der Universitätsklinik Erlangen. - Ehrlich erbittet nähere Auskunft über den von Hauck beobachteten Fall unangenehmer Nebenerscheinungen. Ehrlich sei bekannt, „dass nach der Injektion in vereinzelten Fällen tachycardische Beschwerden auftreten“; er vermutet, dass die nun festgestellte Schwere auf eine besonders starke Schmerzhaftigkeit des Mittels zurückzuführen sei. Er kündigt eine Sendung von Präparaten in höherer Dosierung an und empfiehlt, „zur subkutanen Injektion die sogenannte monacide Lösung anzuwenden“, da die neuen Präparate sich nicht ganz alkalikar lösen ließen. Eine Lösungsvorschrift fügt Ehrlich dem Schreiben bei (nicht erhalten).
2) Maschinenschriftlicher Brief mit eigenhändiger Unterschrift. Frankfurt am Main, Westendstraße 62, 25. Juni 1910. 1 Blatt. Mit handschriftlichen Korrekturen. 24,5 x 20 cm. - An Hauck, dem er für die ausführliche Übermittlung von Krankengeschichten dankt. Ehrlich äußert sich erneut zu den von Hauck beschriebenen Nebenwirkungen: „Es ist mir doch zweifelhaft, ob in diesem Falle nicht zu einem Theil das auslösende Moment in einer atarken Nervenreizung durch die Injektion gelegen hat. Insbesondere möchte ich die klonischen Zuckungen in den Beinen auf eine lokale Nervenreizung durch die Injektionsflüssigkeit zurückführen. - Wie dem auch sei, solche Fälle sind es eben, die mich verhindern, das Mittel jetzt schon für ambulatorische Behandlung verwenden zu lassen. Wenn ein solcher Unglücksfall einmal auf der Strasse passieren und der Patient verunglücken sollte, so würde dadurch sofort das Mittel diskreditiert werden“.
3) Maschinenschriftlicher Brief mit eigenhändiger Unterschrift. Frankfurt am Main, Georg Speyer-Haus, 15. Juli 1910. 1 Blatt. 25 x 20 cm. - An Hauck. - Ehrlich bittet um Mitteilung der Erfahrungen mit Präparat 606 „für die Zusammenstellung einer Liste“. Hauck möge Ehrlich wegen der Versorgung mit neuem Material kontaktieren, da er „momentan infolge der kolossalen Nachfrage etwas Mangel“ habe.
4) Maschinenschrifticher Brief mit eigenhändiger Unterschrift. Frankfurt am Main, Georg Speyer-Haus, 17. November 1910. 2 Blatt. Mit handschriftlichen Korrekturen. 25 x 20 cm. - An Hauck, der mittlerweile zur intravenösen Behandlung übergegangen ist. Ehrlich führt die Rückfälle bei der Syphilisbehandlung vor allem auf die ungünstige Verabreichung des „606“ zurück. Besonders die subkutane Gabe führe zu einer unzureichenden Resorption und damit zu keiner dauerhaften Wirkung. Durch eine intravenöse Injektion, die nach drei bis vier Wochen wiederholt werden solle, erhofft er sich bessere Ergebnisse hinsichtlich der Rückfälle und des Wassermann-Tests. Ein einheitliches Behandlungsschema sei noch nicht möglich; vielmehr müsse die Therapie je nach der Schwere des Falles individuell angepasst und gegebenenfalls verstärkt werden. Besonders bei frischer primärer und sekundärer Syphilis hält Ehrlich eine intensive Behandlung für notwendig, um gefährliche Rezidive, insbesondere Neurorezidive, zu verhindern.
5) Fragment eines maschinenschriftlichen Briefes mit eigenhändiger Unterschrift. 2 (von 4) Blatt (nummeriert 3 und 4; die ersten beiden Bll. fehlend). - Wohl an Hauck. - Über Nebenwirkungen des Präparates: „Ich glaube daher, dass das Mittel in den obigen Dosen nicht als gefährlich bezeichnet werden kann - sicher nicht gefährlicher wie bestimmte vielfach angewandte Quecksilberpräparate, z.B. das ‚graue Oel‘. Auf jeden Fall scheint es mir daher angezeigt, zurzeit nur Fälle zu behandeln, die sich in Krankenhauspflege befinden, und die Methode vorerst nicht in der Privatpraxis oder bei ambulantem, poliklinischem Material in Anwendung zu ziehen. Ein Nachteil des Mittels ist die große Schmerzhaftigkeit der Injektion“. Ehrlich berichtet aber auch von großen Erfolgen bei der Anwendung.
Dokumentation der frühen klinischen Erprobung des bahnbrechenden Präparats „606“ (Salvarsan), mit dem Paul Ehrlich einen entscheidenden Meilenstein in der Geschichte der Chemotherapie setzte. Das 1910 erstmals breit klinisch eingesetzte Präparat, entwickelt im Umfeld des von Ehrlich begründeten Instituts für experimentelle Therapie in Frankfurt, galt als erste gezielt gegen einen Krankheitserreger entwickelte chemotherapeutische Substanz und wurde insbesondere zur Behandlung der Syphilis eingesetzt. Im Austausch mit dem Erlanger Mediziner Johann Philipp Leonhardt Hauck erörtert Ehrlich detailliert Nebenwirkungen, Dosierung und Applikationsformen, wertet Krankengeschichten aus und entwickelt seine therapeutischen Empfehlungen unmittelbar anhand der gewonnenen klinischen Erfahrungen weiter. Die Briefe vermitteln dabei eindrucksvoll die Herausforderungen der frühen Salvarsan-Therapie. Das sauerstoffempfindliche Präparat war in der Handhabung aufwendig: Es wurde unter möglichst luftarmen Bedingungen aufbewahrt und musste vor der Injektion zunächst mit Natronlauge gelöst bzw. neutralisiert und anschließend mit Kochsalzlösung für die Anwendung aufbereitet werden. Die dadurch erforderliche präzise und zeitnahe Zubereitung sowie die schmerzhafte Injektion und mögliche unerwünschte Reaktionen machten eine sorgfältige ärztliche Überwachung unerlässlich. Ehrlich warnt daher ausdrücklich vor einer vorschnellen ambulanten Anwendung und plädiert zunächst für die Behandlung unter stationären Bedingungen. Zugleich dokumentieren die Briefe den rasanten Erfolg und die enorme Nachfrage nach dem neuen Mittel: Ehrlich spricht bereits von einem „kolossalen“ Bedarf und diskutiert die intravenöse Gabe als aussichtsreichere Methode, um die unzureichende Resorption bei subkutaner Anwendung und damit verbundene Rückfälle zu vermindern. Von besonderem wissenschafts- und medizinhistorischem Rang ist somit die unmittelbare Einsehbarkeit eines entscheidenden Moments der modernen Arzneimitteltherapie: Die Briefe zeigen Salvarsan nicht nur als medizinische Innovation, sondern dessen Entwicklung und Erprobung im konkreten klinischen Dialog und machen Ehrlichs experimentell-pragmatische Arbeitsweise ebenso sichtbar wie seine ausgeprägte Verantwortung gegenüber den behandelten Patienten.