Los 941

Paul Celan. Ansprachen bei Verleihung des Bremer Literaturpreises. (1958).

Schätzpreis
€ 200
Ausrufpreis
€ 140
Los: 941
Kategorie: Literatur des 20. Jahrhunderts
Paul Celan. Ansprachen bei Verleihung des Bremer Literaturpreises an Paul Celan. 21 x 13,5 cm. 11 SS. in Heftklammerbindung.

(Leicht gebräunt. Obere Ecken minimal geknickt, auf S. 1 mit kleiner Fehlstelle.)

Druckschrift zur Verleihung des Bremer Literaturpreises an Paul Celan, der 1958 für ‚Mohn und Gedächtnis‘ und ‚Von Schwelle zu Schwelle‘ ausgezeichnet wurde. Enthält die Ansprache des Schriftstellers und Bibliothekars Erhart Kästner sowie Celans eigene Dankesrede. Besonders bemerkenswert ist die historische Spannung dieser Konstellation: Kästner, während der NS-Zeit als Schriftsteller und freiwilliger Kriegsdienstleister hervorgetreten, würdigt hier den jüdischen Dichter Paul Celan, dessen Eltern im Holocaust ermordet wurden und dessen Dichtung wesentlich von der Erfahrung der Shoah geprägt ist. Auffällig ist, dass Kästners Rede diese historische Dimension nicht ausdrücklich thematisiert, sondern sich ganz auf die sprachliche Eigenart und poetische Bedeutung von Celans Werk konzentriert. Kästner artikuliert eine Ahnung der biographischen Bezüge, flüchtet sich aber in seine angebliche Unwissenheit: „Und dann finde ich auch, daß diese Gedichte Schicksale tragen und haben. Ich meine jetzt nicht, daß sie Biographie haben, von der ich nichts weiß, die wohl dasein kann, aber ich kann es nicht wissen, sie ist in jedem Falle weit weg, außer Ruf-, außer Hörweite. Ich meine also nicht einen Lebenstoff, den ich nicht kenne, aber ich spüre, daß so etwas da ist, ich spüre eine Last, ein Gewicht, einen Mut, eine Trauer, spüre Überwindung und Drängen und Treiben. Es kann gut sein, daß ich dieses und jenes Gedicht falsch verstehe, in der Weise, wie ich es zu hören, zu lesen, mir auszulegen versuche; kann sein, daß ich es ziemlich anders verstehe, als es gemeint ist, und so wird es auch anderen gehen“ (S. 9). Celans Rede hingegen spricht deutlich die Verluste und Unerreichbarkeiten an, über die ihm nur die Sprache hinwegzuhelfen vermochte. So wird der schmale Druck zu einem aufschlussreichen Dokument des schwierigen Umgangs der westdeutschen Literaturöffentlichkeit mit der eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit. Ein bedeutendes Zeugnis für Celans öffentliche Anerkennung und die Ambivalenzen der literarischen Nachkriegskultur.