Los 471

P. Celan. 4 Briefe an den Kunsthistoriker Prof. Wieland Schmied. Paris, 1960-63. Über die von Claire Goll erhobenen Plagiatsvorwürfe.

Schätzpreis
€ 7.000
Ausrufpreis
€ 5.000
Zuschlag
€ 5.000
Los: 471
Kategorie: Manuskripte und Autographen
CELAN, PAUL (1920 Czernowitz - 1970 Paris)
Lyriker.

Vier Briefe an Wieland Schmied im Rahmen der sogenannten ‚Goll-Affäre‘.

1) Maschinengeschriebener Brief mit eigenhändiger Unterschrift und Korrekturen bzw. Ergänzungen. Paris, 19. November 1960. 1 Blatt (beidseitig beschrieben). 27 x 21,1 cm. - An Wieland Schmied. - „Mit schmerzlichem Bedauern“ habe Celan erfahren, dass auch Schmied, damals Lektor beim Insel Verlag und Kunstkritiker bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, „sich habe irreführen lassen“. „Diese ganze ‚Frage‘ ist keine Frage der Literatur. Die Psychologie hat für dieses Phänomen einen Namen: Projektion. Es gibt tatsächlich einen Bestohlenen - einen mehrfach Bestohlenen: mich. Ich habe diesen Leuten geholfen - ich ernte den Dank. Sehen Sie sich doch bitte auch diejenigen näher an, die hier Beifall klatschen. ‚Mohn und Gedächtnis‘ ist zu grossen Teilen eine Neuauflage von ‚Der Sand aus den Urnen‘ (Wien, A. Sexl, 1948). Es sind acht Jahre Gedichte, Wieland Schmied - bedenken Sie, welche Jahre es sind! Goll bzw. Golls haben diesen Band besessen und sehr genau gekannt. Am Werk sind Gangster; es wird falsch zitiert, es werden Erscheinungsdaten gefälscht - alles das ist ohne weiteres nachweisbar.“ (In den Falzen gebräunt.)

2) Eigenhändige Briefkarte mit Unterschrift. Ohne Ortsangabe (Paris), 23. November 1960. 1 Blatt (beidseitig beschrieben). 9,7 x 15,2 cm. - An Wieland Schmied, bei dem er sich für dessen letzten Brief bedankt und ihn auf „die Entgegnung von Marie-Luise Kaschnitz, Ingeborg Bachmann und Klaus Demus“ sowie auf die „Richtigstellung von Peter Szondi“ in der Neuen Zürcher Zeitung aufmerksam macht. Celan schließt mit den Worten: „Es gibt noch Menschen“. Unter der Signatur die interessante Ergänzung: „Zuerst an die ‚Welt‘ adressiert, die sich, wie im Falle eines nicht minder deutlichen Briefes von H. M. Enzensberger, geweigert hat, sie zu veröffentlichen.“ (Schwach gebräunt.)

3) Maschinengeschriebener Brief mit eigenhändiger Unterschrift. Paris, 78, Rue de Longchamp, 16. Dezember 1960. 1 Blatt (beidseitig beschrieben). 27,1 x 21,1 cm. Recto mit dem Eingangsstempel des Insel Verlages. - An Wieland Schmied, den er darum bittet, seine Darlegungen zu den Plagiatsvorwürfen Fritz Arnold vorzustellen. Celan geht der Frage nach der Authentizität des Goll-Nachlasses nach: „Sie werden gelesen haben, was die ‚Welt‘ jetzt ‚kompensatorischerweise‘ veröffentlicht hat: es gibt also zumindest einen ‚Fall Paul Celan‘, es gibt ‚Ähnlichkeiten‘, es gibt ‚biographische Fragen‘ usw... Aliquid semper haeret... Lieber Wieland Schmied, es gibt eine Frage: die nach der Authentizität des G-Nachlasses. Vergleichen Sie dazu die von C. G. [Claire Goll] zusammengestellten Bibliographien: die Fälschungen, zumal bei der Traumkraut-Datierung, springen ins Auge. Iwan Goll, das stimmte noch (aber auch da wurde schon mystifiziert); Ivan Goll, d.h. der deutsche Nachlass, ist zum Teil ein patenter Schwindel. (Ich übertreibe nicht, Wieland Schmied! Wenn Sie es wünschen, schicke ich Ihnen die Unterlagen.) Dass es in den CG-Uebersetzungen mancherlei bei dem ‚Dieb‘ Celan Gestohlenes nachzuweisen gibt, ist ja nur ein Detail.“ Ironisch-fatalistisch fügt Celan hinzu: „Ach ja, wissen Sie... Warum soll ich mich wundern, dass man in mir einen Plagiator erblicken will? Im letzten ‚Merkur‘ lese ich in einem Gedicht Ihres und meines Christoph Meckel diese (Halb-)Zeile: ‚Fisch, trau dich hervor‘. Auch das muss ich abgeschrieben haben: es steht nämlich auf Seite 67 meines (von mir selbstverständlich rückdatierten) Bandes ‚Mohn und Gedächtnis‘“. Zum Schluss des Briefes drückt Celan aus, wie existentiell die Goll-Affäre für sein literarisches Schaffen ist. Ihn beschäftigt die Frage danach, „ob das Veröffentlichen von (deutschen...) Gedichten einen Sinn hat“.

4) Eigenhändiger Brief mit Unterschrift. Paris, 20. September 1963. 1 Blatt. 29,6 x 21 cm. In schwarzer Tinte. - An Wieland Schmied. - Celan bringt seine Freude über die Aussicht einer Ausstellung der Graphiken und Aquarelle seiner Frau zum Ausdruck, erwähnt eine Einladung der Kestner Gesellschaft und die Übersendung seines Gedichtbandes ‚Sprachgitter‘ an Dr. Sprengel. (Minimal gebräunt.)


Die vier Briefe Paul Celans an den österreichischen Kunsthistoriker, ehemaligen Direktor der Kestner Gesellschaft und Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Prof. Wieland Schmied (1929-2014), sind eindringliche Zeugnisse der Goll-Affäre, einem literarischen Rufmord, in dessen Verlauf Celan von Claire Goll, der Witwe Iwan Golls, des Plagiats bezichtigt wurde. In den Schreiben vom November und Dezember 1960 reagiert Celan mit Schmerz, Entschiedenheit und bitterer Ironie auf die Angriffe, die er als Projektion und bewusste Fälschung entlarvt. Zugleich wird deutlich, wie sehr die Vorwürfe sein Selbstverständnis als Dichter infrage stellten: Wiederholt schreibt er von der Gefährdung seiner Autorschaft und zweifelt am Sinn des Weiterschreibens. Die Briefe zeigen sowohl seine argumentative Verteidigung als auch seine existentielle Verletzlichkeit, die durch den diffamierenden Charakter der Kampagne noch vertieft wurde. Der spätere Brief von 1963, in dem Celan über künstlerische Pläne seiner Frau und literarische Kontakte spricht, wirkt demgegenüber gelöster, wenngleich die Schatten der Affäre spürbar bleiben. Insgesamt dokumentiert die Korrespondenz nicht nur eine literarische Kontroverse, sondern auch Celans Ringen um Wahrhaftigkeit, Anerkennung und - auf einer Metaebene - die Möglichkeit poetischer Existenz nach der Shoah. - Die Briefe wurden abgedruckt in: Schmied, Wieland: Paul Celan. Erinnerungen, Dokumente, Briefe. Aachen: Rimbaud 2010 (= Celan-Studien. Neue Folge. Band 4. Hrsg. v. Bernd Albers), S. 53-63.