Los 457

Lateinisch-französisches Stundenbuch. Handschrift auf Pergament. Rouen, um 1475. Mit 12 großformatigen Miniaturen. Meister der Schöffen von Rouen.

Schätzpreis
€ 30.000
Ausrufpreis
€ 20.000
Zuschlag
€ 20.000
Los: 457
Kategorie: Manuskripte und Autographen
Lateinisch-französisches Stundenbuch für den Gebrauch von Rouen. Handschrift auf Pergament. Rouen, Werkstatt des Maître de l’Échevinage, letztes Viertel des 15. Jahrhunderts. 175 x 120 mm. 96 Bll.

Schriftspiegel: 95 x 60 mm. Vorwiegend lateinischer Text (Kalender, zwei Gebete am Schluss und einige Textauszeichnungen in französischer Sprache), einspaltig zu 20 Zeilen. Durchgehend in Rot regliert. Kalender vierspaltig zu 16 Zeilen, Eintragungen alternierend in Rot und Blau, Monatsnamen, Sonntagsbuchstaben, goldene Zahl und Hauptfeste in Gold. Französische Bastarda von einer Hand in brauner Tinte. Satzauszeichnungen in Rot. Zum Beginn der Haupttexte jeweils eine vierzeilige, mit Weiß gehöhte Deckfarbeninitiale in Blau mit rotem Korpus auf Goldgrund und farbigem floralem Binnen- oder Außenfelddekor. Ebenso gestaltete zweizeilige Initialen zu Beginn von Gebeten und Psalmen sowie zahlreiche einzeilige Initialen in Gold auf abwechselnd rotem und blauem Grund mit goldenem Floraldekor. Zeilenfüllstäbe in Rot und Blau mit goldener Ornamentik. Mit 12 großen farbigen, teils mehrteiligen Miniaturen in goldenen Rundbögen, eingefasst von umlaufenden Bordüren, die von charakteristisch langgestreckten goldenen und blauen Akanthusranken geprägt sind. Der Bordürenschmuck der Miniaturen außerdem mit einer Fülle mehrfarbiger filigraner Blüten- und Fruchtranken (vor allem Erdbeeren) auf Goldgrundkompartimenten. Kalender- und Textseiten mit gleichartig geschmücktem, ungeteilt durchlaufendem Außenbordürenstreifen in Gold, Blau, Rot und Grün. Schwarzer Maroquineinband des 18. Jahrhunderts auf vier Bünden mit blindgepr. Deckelfileten, goldgepr. Eckornamenten, pfeilartiger Blind- und Goldprägung als Verlängerung der Bünde, floralen Einzelstempeln auf dem Rücken und goldgepr. Rt. Die Deckel ziert als Mittelstück ein goldgepr., barock anmutendes Gefäßornament, aus dem oben ein Strauß verschiedener Blumen entspringt, während der Korpus Drolerien- bzw. Bacchusköpfe erkennen lässt. Buchschnittmalerei mit mehrfarbigen Blatt- und Blütenranken. In Lederkassette.

(Kassette und Einband minimal berieben. Ecken gering bestoßen, Gelenke leicht angebrochen. Kapitale und Eckbezug fachmännisch restauriert. Schließe verloren. Fol. 21 aus der unteren Bindung, fol. 96 fast vollständig aus der Bindung gelöst, letzteres zudem knittrig und angeschmutzt. Fol. 42 mit Pergamentanstückelung im weißen Unterrand. Schriftspiegel und Miniaturen vereinzelt etwas berieben. An den Rändern stellenweise gedunkelt und fingerfleckig.)

Bildfolge: 1) Vier Evangelisten. 2) Mariä Heimsuchung. 3) Geburt Christi. 4) Verkündigung an die Hirten. 5) Anbetung der Könige. 6) Praesentatio Jesu. 7) Flucht nach Ägypten. 8) Marienkrönung. 9) David als Psalmist mit Harfe. 10) Kreuzigung. 11) Mater orans in communio Sanctorum. 12) Hiob auf dem Dung.

Inhalt: Fol. 1-12 Kalendarium / 13r-17r Evangelisten-Perikopen / 17r-19v Obsecro te / 19v O intemerata / 28r-53v Marienoffizium für den Gebrauch von Rouen / 54r-62r Bußpsalmen / 62v-65v Litanei / 66r-68r Horae Sanctae Crucis / 68v-70v Horae Spiritus Sancti / 71r-91v Totenoffizium / 92r-95v Les quinze joies de Notre-Dame / 95v-96r Les sept requêtes à Notre-Seigneur.

Reizvoll arrangiertes livre d’heures mit vollständigem und reich besetztem französischen bzw. Pariser Kalender, eingerichtet nach dem Brauch von Rouen in der Normandie (3. Januar mit Oct. S. Jehan statt S. Geneviève, 9. Februar mit Ansbertus, 9. April mit Hugo, 3. Juli mit S. Marcial, 22. Oktober mit Mellanus, 23. Oktober mit S. Romain). Unter den Miniaturen besonders bemerkenswert sind vier mehrteilige Darstellungen zum Evangelistenprolog, zur Geburt Christi, zu Beginn der Bußpsalmen und des Totenoffiziums. Unter der historischen Krippenszene wird die Vision des Augustus bzw. die Prophezeiung der Tiburtinischen Sibylle gezeigt, womit der Miniaturenmaler die Einheit von antiker Prophetie und christlicher Heilsgeschichte betont, indem selbst der größte heidnische Herrscher unter Bezeugung der paganen Seherin die Gottheit des Kindes anerkennt. Auf der rechten Seite zudem eine Darstellung vom Gloria der Engel, sodass hier Geschichte, Prophetie und Liturgie als Einheit erscheinen - ein gerade in französischen Stundenbüchern beliebtes Stilmittel. Zu den Bußpsalmen ebenfalls drei separate Darstellungen: zunächst der Harfe spielende David mit abgelegter Krone, darunter derselbe bei der Beobachtung der badenden Batseba und im rechten Rand ein kleinformatiges Allegorienpaar (pastor et miles). Gemeinsam transportieren die drei Darstellungen ein vollständiges und gleichwohl didaktisch durchdachtes David-Porträt vom Hirten zum Krieger, König, Propheten und Sünder - für den Betrachter ein Spiegelbild eigener Widersprüche und eine Mahnung zur Buße. Für die französische Buchmalerei des späten 15. Jahrhunderts typisch sind die feinen Goldhöhungen in den Faltenwürfen der Gewänder, eine lokal exaktere Zuordnung ist neben der Kalenderbesetzung mit den Bischöfen von Rouen und in der Region verehrter Heiliger auch anhand der Rankenformen möglich, die vom Maître de l’Échevinage um 1460 in Rouen entwickelt und von seiner bedeutenden Werkstatt bis ins 16. Jahrhundert lebendig gehalten wurden. Die Gesamtkomposition sowie die konsequent bogenförmigen Miniaturen weisen ebenfalls auf eine Entstehung in Rouen hin. Darüber hinaus lässt sich anhand des Fehlens der Bordürenstäbe, die für den Buchschmuck der Werkstatt im dritten Viertel des 15. Jahrhunderts kennzeichnend sind, eine Datierung auf das letzte Viertel des 15. Jahrhunderts vornehmen. Insgesamt ein qualitätvolles Beispiel nordfranzösischer Buchmalerei des späten 15. Jahrhunderts, das in reicher Ausstattung und ikonographischer Vielgestaltigkeit die charakteristischen Merkmale der namhaften Produktionsstätte des ‚Meisters der Schöffen‘ in sich vereint.