Los 217

K. Stockhausen. Eigh. Brief. mit eigenh. U. 29.V.1979. Dazu: 2 gewidmete Notendrucke und 2 gewidmete Fotos.

Schätzpreis
€ 500
Ausrufpreis
€ 360
Los: 217
Kategorie: Manuskripte und Autographen
STOCKHAUSEN, KARLHEINZ (1928 Mödrath bei Kerpen - Kürten-Klettenberg 2007)

Eigenhändiger Brief mit Unterschrift. Kürten, 29. Mai 1970. 1 Blatt aufgezogen auf starkem Karton. 51,3 x 18,7 cm. Dazu 5 Beilagen (Fotos, Reproduktionen).

(Leichte Knitterspuren.)

An Dr. K. (seinen Steuerberater): „Bitte nehmen Sie sich jetzt ein paar Minuten der Ruhe außergewöhnlicher Momente: ich möchte Ihnen sagen, daß Stockhausen Ihnen uneingeschränkt seine Komplimente macht! Sie haben in Ihrer einmaligen Art, die quer zum ganzen faden Rationalismus unserer Epoche läuft, einen perfekten Alleingang eines wirklich genialen Spions des Geistes vollbracht. Ich weiß, was ich sage, denn mir fehlt nicht der Vergleich mit anderen anspruchsvollen Geistern: Meine Bewunderung und mein Dank! Wir kennen uns erst kurz, aber ich muß sagen, daß ich von Ihnen im Kampf in dieser teuflischen Welt wirklich etwas lernen kann. Sie haben begriffen, daß es kein höheres Ideal geben kann, als die schöpferischen Kräfte unter allen Umständen zu schützen, zu tarnen und zu verteidigen gegen die perfiden Eingriffe einer parasitären, unschöpferischen Menschheit, die buchstäblich des Teufels ist. Wie immer unsere Beziehung sich entwickeln möge, dieses BRAVO ist gesagt und soll für immer so stehen bleiben. Vielleicht kann ich außer Worten auch mit einigen Werken zur Formung Ihrer Seele ein wenig beitragen und also Freude des Herzens, Staunen der Vernunft, Hoffnung des Geistes auf neues und immer Neues nähren. Mit liegt wirklich etwas daran, jeden der wenigen, mit denen ich persönlich Kontakt habe, in meine innere und ewige Welt Einblick nehmen zu lassen, ihn zum Komplicen des Kampfes um Freiheit des Subjektes und der Kunst zu machen! Ihr Stockhausen“. - Dazu: 2 gewidmete Notendrucke (Reproduktionen): 37 x 27 cm „Für Dr. K [...] Gottes Segen im Jahr 87 wünscht Ihnen herzlich K. St.“ / 62 x 44 cm „Licht für Carolyn. Stockhausen 2.6.89“ sowie zwei Reproduktionen von Fotos (ca. 44 x 30 cm und ca. 50 x 35 cm); „Für Dr. K [...] herzlich Stockhausen 22. VII. 97 / 1. Dez. 1994“.

Der bei Köln aufgewachsene Karlheinz Stockhausen gilt als Inbegriff eines bahnbrechenden Komponisten des 20. Jahrhunderts. Er beeinflusste als Komponist der Nachkriegszeit ohnegleichen die größten Musiker unterschiedlichster Richtungen, so z. B. Pink Floyd, David Bowie, die Beatles, Frank Zappa u. a. Er komponierte mehr als 370 Werke, darunter Kammermusik, Opern und Elektronikmusik. Literatur und Theater gehörten ebenso zu seinen Interessen wie Spiritualität, für die er in der Öffentlichkeit belächelt wurde. Der gebürtige Rheinländer durchlebte eine durchaus traumatisierende Kindheit: Die Mutter war schwer depressiv, unternahm einen Suizidversuch vor den Augen des vierjährigen Kindes, kam in die Psychatrie. Der Vater, Oberlehrer in Altenberg, ließ sich scheiden und heiratete neu; Karlheinz bekam zusätzlich zu seinen beiden Geschwistern noch drei weitere Stiefgeschwister und eine Stiefmutter. Trotz geringen Einkommens der vielköpfigen Familie erhielt er Klavierunterricht und wurde ins Internat geschickt. 1941 wurde seine leibliche Mutter im Rahmen der Euthanasie-Verbrechen von den Nazis in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet. Der Vater, 1943 eingezogen, fiel zwei Jahre später an der Ostfront. Karlheinz Stockhausen war nun mit seinen 17 Jahren Vollwaise, musste sich durchschlagen, pflegte im Zwangseinsatz verwundete und entstellte Soldaten. Diese Traumata trieben ihn in sein Lebensmotto „Furchtlos weiter“ und kurz nach dem Kriege spielte der Gymnasiast als Pianist Jazz, Schlager und Karnevalsmusik, um über die Runden zu kommen. Er konnte nach dem Abitur an der Musikhochschule Köln mit Auszeichnung abschließen; hinzu kamen Studiengänge der Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaften. Sein Durchbruch begann in Paris, wo er andere Komponisten der Neuen Musik kennenlernte, u. a. Pierre Boulez und Luigi Nono. Er integrierte sich in ihren Kreisen und kurze Zeit später wurde er als Mitarbeiter in die Kölner WDR-Studios eingeladen. Seine elektronischen Musikproduktionen und abstrakten Kompositionen stießen auf großes Interesse, es ging für ihn erfolgreich bergauf. Dozentenstellen, Gastprofessuren, Hochzeiten, Scheidungen, sechs Vaterschaften, Bundesverdienstkreuz, Ehrendoktorwürde und zwischendurch kleine Skandale. Der als fast schon manisch zu bezeichnende Komponist war trotz seines unermüdlichen Arbeitsethos lebensnah, ein Menschenfreund und doch ein Getriebener, der sich angeblich 16 Stunden am Tag der Musik gewidmet haben soll. Der Mann, der „vom Sirius kam“ ist eine seiner Selbstdefinitionen, was nach dieser leidenschaftlichen Vita - im doppelten Wortsinne - gut nachzuvollziehen ist (vgl. Johannes Spätling in der KR am 29.7.24).