Los 159

Einzelblatt aus einem notierten Missale mit großer Initiale „U“. Deutschland, Altenberg (?), ca. 1500.

Schätzpreis
€ 3.000
Ausrufpreis
€ 2.000
Los: 159
Kategorie: Manuskripte und Autographen
Einzelblatt aus einem notierten Missale mit großer Initiale „U“. Wohl Altenberg, um 1500.

(Fleckig und leicht gebräunt. Ränder beschnitten. Das Blatt am rechten und unteren Rand großflächig repariert. 10 mm großes Brandloch über der Hauptinitiale, ein weiteres Brandlöchlein im Zwischenraumdekor. Außenränder mit Gebrauchsspuren. Oberrand verso mit Montageresten.)

Blattgröße: 34,7 x 26,6 cm. Schriftspiegel: 28 x 19 cm. 20 Zeilen, davon 9 Zeilen in Hufnagelnotation. Geschrieben in sorgfältiger Textura in brauner Tinte. Recto wird die Antiphon des ersten Adventssonntags durch eine große Initiale „U“ hervorgehoben (11 x 11 cm), deren Buchstabenkörper mit reicher Goldhöhung auf blauem Grund gestaltet ist. Im Zentrum des Zwischenraums eine große fünfblättrige, an ein Windröschen oder eine Wild-Rose erinnernde Blüte in rotem und braunem Federwerk, umgeben von vier kleinen vierblättrigen Blüten und mehreren angedeuteten Floralelementen. Die Initiale wird eingerahmt von sich auf der linken Blattseite bis in den Unterrand fortsetzendem Knospenfleuronné mit mehreren Randausläufern in roter Feder. Am Ober- und Unterrand der Blattvorderseite zudem gerade, sich zum rechten Blattrand hin öffnende Zierleisten in Gold sowie in Rot und Blau. Aus dem Zwischenraum der oberen Zierleisten eine weitere Blüte in brauner Feder mit goldener Knospe entspringend. Recto außerdem eine zweizeilige Initiale in Rot und eine für das Altenberger Skriptorium typische, ebenfalls zweizeilige Initiale in Braun und Rot mit nach links blickender Drolerie in brauner Feder. Verso 20 Zeilen, davon 10 in Hufnagelnotation. Außerdem 4 einfache zweizeilige Initialen alternierend in Rot und Blau sowie eine Initiale „G“ in Braun und Rot.

Das Blatt stammt mit großer Wahrscheinlichkeit aus dem Skriptorium der Zisterzienserabtei Altenberg im Bergischen Land in der Nähe von Köln. Wie in anderen Zisterzienserklöstern schrieben auch die Altenberger Mönche die Gesänge in Hufnagelnotation, die zwar unter Guido von Arezzo von der Quadratnotation abgelöst worden war, in Deutschland jedoch bis ins 18. Jahrhundert verwendet wurde. Auch die beiden Tinteninitialen in Braun und Rot sind nicht nur in der Gestaltung des Buchstabenkörpers denjenigen der Altenberger Schreiber ähnlich, sondern vor allem die Drolerie erinnert stark an den Stil der oft im Initialschmuck Altenberger Handschriften anzutreffenden Überzeichnungen menschlicher Darstellungen, die zudem vielfach mit versteckten Hinweisen auf die Namen der Schreiber und die Herstellungszeit versehen wurden - eine äußerst ungewöhnliche Praxis, da es dem Geist liturgischer Schriften, deren Zweck einzig das Lob Gottes war, nicht angemessen erscheint. - Zum Altenberger Initialschmuck und zur Notenschrift der Altenberger Choralbücher siehe: Galley, Eberhart und Hammer, Gabriel: Die Chorbücher der Abtei Altenberg aus dem 16. Jahrhundert. Bergisch Gladbach: Altenberger Dom-Verein e. V. 1988.