Lot 943

R. M. Rilke. E. Brief m. U. Westerwede, 28.II.1902.

Estimate
€ 3.000
Starting Price
€ 2.000
Hammer Price
€ 2.200
Lot: 943
Category: Manuscripts and autographs
RILKE, RAINER MARIA (1875 Prag – 1926 Montreux)
Lyriker

Eigenhändiger Brief mit Unterschrift. Westerwede bei Worpswede, 28. Februar 1902. 1 Doppelblatt (3 beschriebene Seiten) mit gedrucktem Signet (Brunnen) von Heinrich Vogeler am Briefkopf. 18,4 x 14,2 cm.

(Gelocht. Montagereste verso. Leicht gebräunt.)

An den Prokuristen des Verlages Albert Langen, Korfiz Holm (1872–1942) in München: „[...] eben erhalte ich den beiliegenden Brief von Alexander Benois. Also 50 Rubel für alle 120 Cliche’s [...] Unter diesen Bedingungen dürfen wir, glaub ich, abschließen. Lassen Sie uns das bald thun [...] Bis wann würde der Verlag die Fertigstellung der Übersetzung wünschen? Ich kann mich ihr in den nächsten Monaten nicht ausschließlich widmen, weil ich (die Verhältnisse zwangen mich dazu) eine größere Arbeit (Monographie Worpswedes) übernommen habe! Diese muß aber bis Mai fertig sein, und dann könnte ich mich recht eifrig mit der Übersetzung beschäftigen, an deren endlichen Erscheinen ja auch mir viel gelegen ist. Ich habe in der letzten Zeit manchen Tag in Bremen verbracht mit der Einstudierung der ‚Schwester Beatrix‘ in ungewöhnlicher Weise beschäftigt. Das war eine schwere, aber sehr interessante Arbeit und der Erfolg hat sie recht gut belohnt; die Aufführung war gut und wirkte stark und nachhaltig. Sie darf sich zum Ruhm sagen, daß, was in diesem Falle mit den gegebenen Mitteln erreichbar war, auch wirklich erreicht worden ist. Es war übrigens die erste Aufführung dieses Drama’s. Das Beste ist, daß durch diese Maeterlinck-Darstellung, die eine äußerst interessante internationale Kunstausstellung in Bremen festlich eröffnete, das Interesse für eine neue Kunst erweckt worden zu sein scheint in dieser Stadt, von der die fanatische Gewaltherrschaft [Arthur] Fitgers seit Jahren jeden Fortschritt ferngehalten hat. Jetzt drängt man sich um die neuen Bilder und zu den neuen Büchern und, wenn auch nur Neugierde ist, es ist doch immerhin besser als der bisherige träge Schlaf [...]“ - Im August 1900 lernte Rilke auf einer Reise nach St. Petersburg den Künstler und Kunstkritiker Aleksandr Benois (1870–1965) kennen. Benois hatte eine „Geschichte der russischen Kunst im 19. Jahrhundert“ geschrieben, deren Übersetzung und Veröffentlichung Rilke plante. - Ab Ende Mai 1901 lebten Rilke und Clara Westhoff in Westerwede bei Worpswede. Dort entwarf Heinrich Vogeler für Rilke eine Jugendstil-Vignette mit Brunnenmotiv, die 1902 auch das „Buch der Bilder“ schmückte. Wegen finanzieller Schwierigkeiten bemühte sich Rilke Anfang 1902 mit Hilfe seines Freundes Gustav Pauli um einen Auftrag für die Reihe „Künstler-Monographien“ des Verlags Velhagen & Klasing. So entstand die 1903 erschienene Monographie über die Worpsweder Künstler. Pauli, inzwischen Direktor der Bremer Kunsthalle, vermittelte ihm zudem einen weiteren Auftrag: Zur Eröffnung der von Eduard Gildemeister erbauten Kunsthalle am 15. Februar 1902 studierte Rilke Maeterlincks „Schwester Beatrix“ ein und verfasste die Festspielszene „Zur Einweihung der Kunsthalle“, die auch als Privatdruck erschien.