Los 98

B. Besler, Hortus Eystettensis. Eichstätt 1613.

Schätzpreis
€ 200.000
Ausrufpreis
€ 150.000
Los: 98
Kategorie:
Hortus Eystettensis, sive diligens et accurata omnium plantarum, florum, stirpium, ex variis orbis terrae partibus, singulari studio collectarum, quae in celeberrimis viridariis arcem episcopalem ibidem cingentibus, hoc tempore conspiciuntur delineatio et ad vivum repraesentatio. 57,2 x 46,8 cm (Blattgröße 55,5 x 44,5 cm). Mit illustr. Kupfertitel, gest. von Wolfg. Kilian, gest. Portr. und Wappen Beslers auf 1 Blatt, 4 illustr. Zwischentitel in Kupferstich und 366 Kupfer (dabei ein doppelblattgr. Faltkupfer) mit über 1080 Abb. Mit Vorwort und Indices auf n.n. Blättern dazw Modernes schlichtes braunes HLdr. m. Deckelbezügen aus Pgt. mit Filetendekor; schlichter Pappschuber.

((Deckelbezüge etwas fleckig; Vorsätze erneuert. Kupfetitel mit Randläsuren und komplett unterlegt sowie Unter- und Längsrand mit Transparentband unterlegt; weitere folgende 5 Textblätter am Rand bzw. an der oberen Außenecke unterlegt. Faltkupfer im Rand unterlegt mit Einriss im Falz. Wasserrand im Oberrand mit Bräunung.))

Besler, Basilius: Hortus Eystettensis, sive diligens et accurata omnium plantarum, florum, stirpium, ex variis orbis terrae partibus, singulari studio collectarum, quae in celeberrimis viridariis arcem episcopalem ibidem cingentibus, hoc tempore conspiciuntur delineatio et ad vivum repraesentatio. 4 Teile in 1 Band. [Altdorf: K. Bauer] 1613. 57,2 x 46,8 cm (Blattgröße 55,5 x 44,5 cm). Mit illustr. Kupfertitel, gest. von Wolfg. Kilian, gest. Porträt und Wappen Beslers auf 1 Blatt, 4 illustr. Zwischentiteln in Kupferstich und 366 Kupfer (dabei ein doppelblattgr., von zwei Platten gedrucktes Faltkupfer) mit über 1080 Abb. Mit Vorwort und Indices auf nicht nummerierten Blättern dazwischengebunden. Modernes schlichtes braunes HLdr. mit Deckelbezügen aus Pgt. mit Filetendekor; schlichter Pappschuber.

(Deckelbezüge etwas fleckig; Vorsätze erneuert. Kupfertitel mit Randläsuren und komplett unterlegt sowie Unter- und Längsrand mit Transparentband unterlegt; weitere folgende 5 Textblätter am Rand bzw. an der oberen Außenecke unterlegt. Faltkupfer im Rand unterlegt und mit Einriss im Falz. Wasserrand im Oberrand mit Bräunung. Der halbkreisförmige Braunrand im Oberrand im Durchmesser von ca. 18 cm und bis zu ca. 12 cm ins Bild bzw. in den Text reichend. Auf ca. 25 Blättern ist der Braunrand schwach sichtbar; auf ca. 80 Blättern stärkerer bis stark sichtbarer Braunrand, jedoch meist nur bis zum Plattenrand reichend. Weiterhin vereinzelt Randeinrisse und wenige Blätter mit Einrissen bis ins Bild, ein Einriss längs im Unterrand einer Tafel. Alle Risse ohne Papierverlust. Alle Risse und Bräunungen sind restaurierbar. Letzte 6 Blätter mit Unterlegungen im Außenrand und Bräunung im Bug. Quetschfalten besonders am Anfang und Schluss. Weitere, meist nur geringe Alters- und Gebrauchsspuren.)

Nissen BBI 158. Stafleu-Cowan I, 497. Arpad-Plesch 140 f. VD17 75:701971D. - Erste Ausgabe. - Die beschreibenden Texte auf die Rückseite der Kupfer gedruckt und den zu beschreibenden Pflanzen gegenüber stehend. Die Vorlagen und Kupfer stammen nach Nissen von Dominicus und Raphael Custos, Levin und Friedrich van Hulsen, Wolfgang Kilian, Johann Leypold, Heinrich Ulrich u. a. - Monumentales Werk mit wissenschaftlicher Beschreibung von Ludwig Jungermann und Abbildungen der Pflanzen im Garten des Bischofs von Eichstätt, Johann Conrad von Gemmingen, den dieser auf der Willibaldsburg angelegt hatte. Der Botaniker und Apotheker Besler hatte selbst einen botanischen Garten und ein Naturalienkabinett. Er erhielt deshalb wohl den Auftrag für vorliegendes Werk. Beschrieben werden die Gewächse des Gartens nach ihren Blütezeiten im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. - Vorliegende Erstausgabe ist in höchstens 300 Exemplaren auf starkes Papier ohne Wasserzeichen gedruckt worden. Die Kupfer liegen meist in sehr guten und klaren Drucken vor. - Eines der größten und umfangreichsten Florilegien und das erste, das ausschließlich einem einzigen Garten gewidmet ist.

Ein monumentaler Prachtband der botanischen Buchillustration

Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts diente die Willibaldsburg auf dem Frauenberg als Sitz der Fürstbischöfe des Hochstifts Eichstätt. Im Laufe der Jahrhunderte erneuerte und erweiterte man die spätmittelalterliche Burg fortdauernd bis ins erste Drittel des 17. Jahrhunderts. Es entstand die beeindruckend hoch über dem Altmühltal liegende Schlossburg der Spätrenaissance.

Bereits Fürstbischof Martin von Schaumberg (1560-1590) hatte prachtvolle Gärten mit Bewässerungsanlagen, fremdländischen Pflanzen, Sommerhäusern und Duftgärten anlegen lassen. Danach machte es sich der weltläufige, für seine Förderung der Künste bekannte Fürstbischof Johann Conrad von Gemmingen (1593/95-1612) zur Aufgabe, Schloss- und Gartenanlage in ein einheitliches Konzept zu fügen. Das Schloss mit seinen prunkvoll eingerichteten Räumen, die Schatzkammern mit ihren Pflanzenornamenten und -schmuckfiguren und besonders die Außenbereiche: alles sollte im Stil der harmonischen Lustschloss- und Gartenanlagen gestaltet werden, wie sie in Italien bereits weit verbreitet, auf deutschem Boden bislang jedoch nahezu unbekannt waren. Von der Altane (Dachterrasse) sollte nicht nur ein um 1600 üblicher hortus conclusus, ein in sich abgeschlossener Garten, bewundert werden. Über verschiedene Landschaftseinheiten, die sich über die Gärten hinaus erstreckten und einen fließenden Übergang andeuteten, wollte der Fürstbischof den Blick in die weite Landschaft schweifen lassen, Gäste des Hochstifts mit der Vielfalt seltener und exotischer Pflanzen beeindrucken und seinen Sinn für Architektur, Ästhetik und Botanik in einer der prächtigsten Gartenanlagen der Zeit zur Schau stellen.

Für die Konzeption des Gartens war zunächst der Arzt und Botaniker Joachim Camerarius, der erste Vorsitzende des Nürnberger „Collegium medicum“ und ein ausgewiesener Fachmann in der Anlage von botanischen Gärten, vorgesehen, der allerdings schon 1598 starb. An seiner statt beauftragte der Fürstbischof überraschenderweise den weit weniger renommierten Nürnberger Apotheker Basilius Besler (1561-1629), der die fehlende wissenschaftliche Fachkompetenz mit den in seinem eigenen botanischen Garten und durch die Pflege eines privaten Naturalienkabinetts gesammelten Erfahrungen, dem Studium der maßgeblichen botanischen Literatur und insbesondere durch den Aufbau eines Netzwerkes von Fachleuten aufzuwiegen versuchte. Dieses Netzwerk kam Besler nicht nur bei der Anlage des Gartens und der Beschaffung der Pflanzen zugute, sondern auch bei der Herstellung des berühmten Kupferstichwerkes, für das er schon 1606/07 den Auftrag erhielt. Um die Pflanzen möglichst originalgetreu darstellen zu können, pflanzte Besler viele Arten im eigenen Garten an, denn obwohl ihm zwei Mal wöchentlich frisch geerntete Pflanzen aus dem Eichstätter Garten und dem Umland geliefert wurden, kamen die Blumen wegen des aufwendigen Transports nicht immer frisch genug für die Zeichenvorlagen an.

Besler war bestrebt, ein dekoratives, prachtvolles Florilegium zu schaffen, das die Pflanzen in ihrer üppigen Blüte zeigt. Kleinere, wildwachsende Pflänzchen wurden als dekoratives Beiwerk zum Auffüllen des Blattes hinzugefügt, allerdings nicht immer botanisch korrekt, da etwa unterschiedliche Blühzeiten außer Acht gelassen wurden. Botanische Korrektheit oder ein dem Stand der Wissenschaft entsprechender Anspruch sind dem Hortus Eystettensis generell wohl nur in Maßen zuzuschreiben. Von falschen Tafelunterschriften über willkürliche Bezeichnungen und das fehlerhafte Latein bis hin zur Erfindung einzelner Arten - es wird deutlich, dass es Auftraggeber und Verfasser mehr um eine kunstvolle Komposition der über 1.000 ausgewählten Pflanzen als um eine wissenschaftliche Abhandlung auf dem Gebiete der Botanik ging.

In der Betonung der Schönheit lässt sich neben der dokumentarischen, bewahrenden und repräsentativen Funktion ein Hauptmotiv des Werkes erkennen, das sich auf dem Titelblatt der Ausgabe von 1613 widerspiegelt. Auf einem die Bildfläche beherrschenden Tempelvorbau sitzen die Göttinnen Flora und Ceres als Botschafterinnen für das Blühen und Gedeihen. Sie flankieren das Wappen Johann Conrads von Gemmingen als bischöflichen Initiator des Werkes. Vor den beiden Pfeilern am linken und rechten Bildrand stehen König Salomon und der Perserkönig Cyrus, die weisen antiken Gartenkenner, zwischen denen sich der Blick in den Garten Eden öffnet. Diese Feier der Schönheit der Schöpfung verankert das Buch nicht nur in der Renaissance, sondern transportiert auch dessen theologischen, in der Sehnsucht nach dem Paradies Ausdruck findenden Anspruch.

In Eichstätt warf man Besler später vor, die zahlreichen Mitarbeiter wie Zeichner, Kupferstecher oder Illuminatoren, ja selbst den Drucker in keiner Weiser erwähnt zu haben. Er verewigte ausschließlich sich selbst auf dem Titelblatt („Opera Basilii Besleri“) und auf den vier Zwischentiteln, die sein Wappen und die Attribute seines Berufes tragen. Dies machte es für nachfolgende Generationen nahezu unmöglich, den genauen Druckort des Hortus Eystettensis zu identifizieren. Heute geht man davon aus, dass das monumentale Werk in Altdorf bei Nürnberg gedruckt wurde, da der dort ansässige Drucker Konrad Bauer Initialen und Typen des Hortus für den Druck des „Catalogus plantarum“ von Ludwig Jungermann verwendete. Andererseits machten sich Kritiker keine Vorstellung davon, welche Leistung für ein solch monumentales Werk erbracht werden musste. In Beslers Hand lag die gesamte Organisation von der Koordinierung der Besorgung und rechtzeitigen Abzeichnung der Pflanzen über die Herstellung der 367 Kupfertafeln mit 1.084 Abbildungen und deren Kolorierung bis hin zur Abfassung und dem Druck der Texte, die anders als die Kupferstichabbildungen mit beweglichen Lettern im Hochdruckverfahren hergestellt worden sind. Hierzu gereichten ihm sowohl das frühindustrielle Wirtschaftsleben Nürnbergs als auch sein weites Netzwerk zum Vorteil. Der Arzt und Botaniker Jungermann stand Besler etwa als Botanikexperte zur Verfügung und sämtliche Arbeitsschritte konnten von Handwerkern geleistet werden, die sich vor Ort in Nürnberg befanden, sodass keine weiteren Handwerkszünfte hinzugezogen werden mussten, was Zeit und Geld sparte.

1613 erschienen drei verschiedene Ausgaben: zwei mit Begleittexten zu den Tafeln und eine ohne Texte. Die bei Venator & Hanstein angebotene Ausgabe war wohl für den Buchhandel bestimmt, da die Vorderseiten der Blätter die Kupferdrucke, die Rückseiten die Texte zu den jeweils folgenden Tafeln enthalten. In einer weiteren Buchausgabe mit Text, einer als Geschenkexemplar gedachten Prachtversion für den Fürstbischof, blieben die Rückseiten der Tafeln frei und ein beidseitig bedrucktes Textblatt befand sich zwischen zwei Tafeln. Die Exemplare ohne Textblätter und diejenigen mit den textfreien Rückseiten waren für die Kolorierung vorgesehen, die nicht auf einen rückseitig gedruckten Text abfärben sollte. Von der Variante, bei der die Rückseiten unbedruckt blieben, sind lediglich vier Exemplare bekannt.
Bei den Bänden mit beschreibenden Texten gab es keine durchgehende Seiten- oder Blattzählung, sondern nur die übliche Lagenzählung im Folio-Format unter Angabe der Ordnung am jeweiligen unteren Blattrand. Da die Blätter nur einzeln gedruckt wurden, entstanden oftmals Probleme für die Buchbinder, die nicht, wie sonst üblich, eine komplette Lage geliefert bekamen, sondern sich anhand des Registers orientieren mussten und die Einzelblätter zunächst in der richtigen Reihenfolge zu Bögen zusammenfügen mussten und erst danach in Lagen sortieren konnten. Zudem entstand bereits beim Drucken reichlich Ausschuss. Eine außergewöhnlich mühsame Angelegenheit, weil häufig Fehler auftraten, die zusätzliche Arbeit erforderten. Insgesamt soll die Auflagenhöhe für alle drei Varianten zusammen 300 Exemplare betragen haben. Bis zu seinem Tod hatte Johann Conrad von Gemmingen 7.500 Gulden für das Werk ausgelegt, für die Vollendung der ersten Ausgabe sollen 11.920 Gulden aus der fürstbischöflichen Kasse aufgewendet worden sein.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde der prachtvolle Garten fast vollständig zerstört, die Kupferplatten galten lange als verschollen. Erst 1994 wurden fast alle Platten in der Albertina in Wien wiedergefunden und zu Versuchszwecken nochmals gedruckt. Dabei zeigte sich, dass die Herstellung dieses botanischen Prachtwerks nicht nur ein außergewöhnlicher Aufwand finanzieller, personeller und organisatorischer Art gewesen sein muss, sondern auch weit über ein Jahr Zeit für den Druck der Einzelplatten aufgebracht werden musste.