Lot 470

Hermann Broch im Kontakt mit Hessler in den Jahren 1947-49.

Estimate
€ 3.000
Starting Price
€ 2.000
Lot: 470
Category: Manuscripts and autographs
BROCH, HERMANN (1886 Wien - 1951 New Haven)
Österreichischer Schriftsteller.

1) Maschinengeschriebener Brief mit eigenhändiger Unterschrift. Princeton, 14. September 1947. 1 Blatt. 11,7 x 18,5 cm. Auf blauem Briefpapierzuschnitt. - An Prof. Herbert Hessler (Heßler), der Broch wohl ein Manuskript zugesendet hatte, welches Broch an die National Weeklies schickte, um Hessler Lebensmittelpakete zu verschaffen: „Sie haben ein ausgezeichnetes Ohr für den Tonfall von Menschen; die Berlinsche Diktion und Dialektfärbung z.B. ist grossartig getroffen; gewiss genügt das nicht, am allerwenigsten für wirkliche Literatur, aber es ist immerhin ein Ansatz. Vor allem aber müssen Sie die ‚trockene Umständlichkeit‘ Ihrer Darstellungsweisen bekämpfen.“ (Falzspuren.)

2) Maschinengeschriebener Brief mit eigenhändiger Unterschrift und Korrekturen. Princeton, One Evelyn Place, 8. Oktober 1947. 1 Blatt (beidseitig beschrieben). 27,9 x 21,4 cm. Konzeptpapier mit Registraturstempel der Österreichischen Zensurstelle. - Langer, bekenntnishafter Brief an Herbert Hessler, dessen übersendetes Manuskript er eingangs erneut scharf kritisiert. Nachdem Broch Hessler alles literarische Talent abgesprochen hat, kommt er auf Grundsätzliches zu sprechen: „Sie haben die deutsche Militarei erduldet, und Sie haben sie wie so viele andere erdulden müssen. Aber Sie haben nichts von dem Grauen gemerkt, das dahinter steht. Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, dass Sie von den Gaskammern, von den 6 Millionen Juden, von den 2 Millionen Polen, von den andern 3 Millionen, die da abgeschlachtet worden sind, nichts geahnt haben, und dass Sie mit Ihren eigenen Sorgen beschäftigt waren. Aber ich mache Ihnen zum Vorwurf, dass Sie das Instrument eines solchen Systems zum Gegenstand humoristischer Schilderungen benutzen. Merken Sie nicht, dass das unmöglich ist? Es ist ein Mangel an Respekt vor der eigentlichen Humanität, die daraus spricht. Wem solcher Respekt mangelt, dem mangelt auch jeglicher künstlerischer Respekt, also künstlerischer Takt und Geschmack.“ Zum Schluss des Briefes zeigt sich Broch versöhnlicher und gibt Einblicke in seine Wertschätzung junger Schriftsteller: „Sie haben genug gelesen, um zu wissen worum es geht. Ich bin der letzte, der jemanden zum Schriftstellerberuf zuredet. Wenn es Sie aber dazu drängt, so müssen Sie es anders anpacken. (...) Sollten Sie einen solchen Weg gehen, so werde ich stets für Sie da sein. Anders aber nicht.“ (Minimaler Einriss im oberen Falz. Gering gebräunt.)

3) Maschinengeschriebener Brief mit eigenhändiger Unterschrift und Ergänzung. Princeton, One Evelyn Place, 17. August 1948. 1 Blatt. Dünnpapierdurchschrift mit Registraturstempel der Österreichischen Zensurstelle. 21,6 x 19,8 cm. - An Herbert Hessler. - Broch dankt für die Übersendung eines weiteren Manuskripts, das er an den New Yorker Staatsanzeiger und Herold weitergegeben habe. Broch bittet Hessler um Details zu einer Hauptmann-Ausgabe für die Bibliothek des Champlain College in Plattsburgh und sagt Hessler die Übersendung von Schmalfilmen ab. (Falzspuren. Am linken Rand etwas braunfleckig. Rostspur einer Büroklammer am Oberrand. 7 cm langer Einriss im Textspiegel.)

4) Maschinengeschriebener Brief mit eigenhändiger Unterschrift und Korrekturen. Princeton Hospital, 15. Dezember 1948. 1 Blatt. Dünnpapierdurchschrift mit Registraturstempel der Österreichischen Zensurstelle. 17,4 x 21,5 cm. - An Herbert Hessler. Broch beantwortet Hesslers Frage nach der Arbeitsweise Thomas Manns: „er beginnt täglich um 8 h Früh und Schlag 12 h legt er die Feder beiseite. Dann wird spazieren gegangen (und so lange er in Princeton war manchmal mit mir) worauf Mittagessen und Schlaf folgen. Nachher wird durch zwei Stunden Korrespondenz erledigt, und sodann folgen die unvermeidlichen Besucher, etc. So geht es Tag für Tag. Seine wirkliche Arbeitszeit beträgt also bloss vier Stunden, aber er arbeitet mit ungeheurer Geschwindigkeit und Präzision, u.z. alles handschriftlich, niemals mit der Maschine.“ (Am linken Rand ein Lochstreifen montiert. 3 cm langer Einriss im Oberrand. Rechter Außenrand etwas lädiert. Gering gebräunt.)

5) Maschinengeschriebener Brief mit eigenhändiger Unterschrift. Princeton Hospital, 17. Februar 1949. 1 Blatt. Dünnpapierdurchschrift mit Eingangsvermerk vom 3. März 1949 in Bleistift. 21,5 x 14,7 cm. - An Herbert Hessler: „Einen Th. Mann-Brief erhalten Sie bestimmt. Nur müssen Sie Geduld haben. (...) Inzwischen aber lesen Sie Th. Mann! gerade für Sie sehr wichtig! Vor allem die vier Josephs-Bände!“ (Am linken Rand eine Papiererweiterung zur Ablage montiert. Heftklammerspuren.)

6) Maschinengeschriebener Brief mit eigenhändiger Unterschrift. New Haven, Saybrook College, Yale University, 5. Mai 1949. 1 Blatt. Dünnpapierdurchschrift mit Registraturstempel der Österreichischen Zensurstelle. 21,6 x 18 cm. - An Herbert Hessler. - Broch weist Hessler, der ihn mit seinen Anliegen zu überhäufen scheint, zurecht: „ich frage mich ob Sie überhaupt keine Vorstellungskraft haben: wiederholt schrieb ich Ihnen von meiner 10stündigen Arbeitszeit, die überdies - da ich mir keinen Sekretär leisten kann - durch eine geradezu gigantische Korrespondenz verschärft ist; ausserdem wissen Sie, dass ich zehn Monate im Spital war, und trotzdem kommen Sie immer wieder mit den nichtigsten Anliegen: ich soll alte Kuverts suchen, ich soll mich mit Hoermann in Verbindung setzen etc.; ich bin ziemlich überzeugt, dass Sie es nicht wagen würden mit derlei Anliegen z.B. an Thomas Mann heranzutreten, und wenn Sie es täten so wäre es eine Respektlosigkeit. Seien Sie versichert, dass ich das - u.z. mit gleichem Recht - als eine solche empfinde.“ Nach der Schilderung des ergebnislosen Kontaktierens von Zeitungen für Hessler fährt Broch fort: „Dahingegen ist es mir ein Vergnügen Ihnen ein kleines Kaffeepaket zu schicken, und ich bedauere, dass es nur klein ist. Sie haben nämlich dort den Warenmangel, wir aber in der Emigration haben den Geldmangel. Wissen Sie was es heisst in vorgerückten Jahren ein neues Leben aufbauen zu müssen?“ (Falzspuren.)

7) Maschinengeschriebener Brief mit eigenhändiger Unterschrift. New Haven, 28. Juni 1949. 1 Blatt. Briefpapier mit Registraturstempel der Österreichischen Zensurstelle. 17,8 x 14 cm. - An Herbert Hessler, dem Broch eine Danksagung des Ehepaars Mann übersendet. (Heftklammerspuren am linken Oberrand. Gering gebräunt.)

8 + 9) Zu dem Kovolut gehören zwei Schriftstücke Herbert Hesslers. Zum einen eine Empfangsquittung, die den Erhalt von 100 Schillingen von Walter Krieg zwecks Überlassung „einer Reihe maschinengeschriebener Hermann-Broch-Briefe“ dokumentiert (Wien, 12. Oktober 1954), zum anderen ein ausführliches, maschinengeschriebenes Anschreiben zur Übersendung dreier Broch-Briefe vom 11. Oktober 1954, worin Hessler nach dem versprochenen Betrag für die Briefe bittet, um kleine Anschaffungen tätigen zu können. Aus dem Anschreiben spricht sowohl die Not der Nachkriegszeit als auch die Enttäuschung eines erfolglosen Autors: Hesslers Manuskripte seien von der Filmagentur Göttingen und vom Kiepenheuer und Witsch Verlag abgelehnt worden.


Hermann Broch (1886–1951) gilt als einer der bedeutendsten österreichischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Seine Romantrilogie ‚Die Schlafwandler‘ prägte den europäischen Roman der Moderne entscheidend. Thomas Mann schlug Broch, der, von Joyce, Mann und Einstein unterstützt, 1938 in die USA emigrierte, im Jahr 1950 für den Literaturnobelpreis vor. - Die Briefe an den Nachwuchsautor Hessler eröffnen einen seltenen Einblick in Brochs geistige Haltung, seine pädagogische Strenge, aber auch seine menschliche Anteilnahme. Einerseits zeigen sie ihn als kompromisslosen Kritiker, der keine literarischen Zugeständnisse macht und die ethische Dimension von Literatur stets ins Zentrum rückt. Andererseits dokumentieren die Briefe Brochs Hilfsbereitschaft durch die Vermittlung von Manuskripten, das Organisieren von Lebensmittelpaketen oder anhand kleiner Gesten des persönlichen Beistands. In der Mischung aus verletzend scharfer, aber ehrlicher Kritik, moralischem Ernst und praktischer Fürsorge spiegelt sich ein Schriftsteller, der sein künstlerisches und menschliches Verantwortungsbewusstsein untrennbar miteinander verband, trotz eigener Arbeitslast und Krankheit den Dialog mit der jüngeren Generation suchte und zugleich unmissverständlich die hohen Maßstäbe deutlich machte, die er gleichermaßen an Literatur wie Humanität stellte.