Die Weilburger Goethe-Funde

Pius Alexander Wolff (1782-1828), einer der glänzendsten Schauspieler der deutschen Bühne, hat uns ein umfangreiches Vermächtnis an Briefen, persönlichen Dokumenten, Zeichnungen und Erinnerungsstücken hinterlassen. Wolff, der nach den Idealen Goethes geformte Bühnendarsteller, verkörperte wie kein anderer den Schauspielertypus der Weimarer Klassik.
Dieser Nachlass, seit vier Generationen in einem hölzernen Koffer verborgen, kommt nun erstmals ans Licht der Öffentlichkeit und vermittelt uns ein eindrucksvolles Bild vom Theater der Goethezeit.
Bereits 1879 benutzte Max Martersteig die Dokumente für die erste Monographie über Pius Alexander Wolff¹, im Jahr 1950 veröffentlichte Hans-Georg Böhme unter dem Titel „Die Weilburger Goethe-Funde“² seine grundlegende Arbeit über die Goethe betreffenden Dokumente des Wolff’schen Nachlasses.

Regeln für Schauspieler
Johann Wolfgang von Goethe diktierte im Jahre 1803 als Leiter des Weimarer Hoftheaters den jungen Schauspielern Pius Alexander Wolff und Karl Franz Grüner im Rahmen eines Schauspielunterrichts die „ersten Elemente“ der Bühnenkunst.
Zwei nachträglich nach diesen Aufzeichnungen von Goethes Schreiber Geist angefertigte und von Goethe um einige Punkte ergänzte Aufzeichnungen dürften Eckermann vorgelegen haben, der 1824 „ein Convolut Papiere in Bezug auf das Theater“ zu einer „Art von Theaterkatechismus“ unter dem Titel „Regeln für Schauspieler“ zum Zweck der Veröffentlichung zusammenstellte.
Die Handschriften Geists (H, H¹, H²) und Eckermanns (H³) liegen im Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv.
Die hier vorliegende erste Niederschrift der „Regeln für Schauspieler“ durch Pius Alexander Wolff wurde im Jahr 1950 von H.-G. Böhme publiziert.
Es handelt sich dabei um mehrere Handschriften – darunter das erste Kollegheft – jener später von Eckermann redigierten Regeln zur Bühnenkunst. Zwei Handschriften sind zu unterscheiden: Wolffs erstes „Collegheft“ (WH) und eine Niederschrift später offenbar aus seinem Gedächtnis festgehaltener Ergänzungen (WH¹). Dazu kommt ein Blatt inhaltlich von Goethe her beeinflusster aphoristischen Bemerkungen Wolffs über die Schauspielkunst (WH²).
Die Bedeutung der Entdeckung dieser Papiere wird nicht zuletzt darin deutlich, dass Goethe kurz vor seinem Tod 1832 an Zelter schreibt: „Soviel ich auch ins Ganze gewirkt habe und so manches durch mich angeregt worden ist, so kann ich doch nur einen Menschen, der sich ganz nach meinem Sinne von Grund auf gebildet hat, nennen, das war der Schauspieler Wolff …“
Goethes Intention als Leiter des Weimarischen Hoftheaters war die Schaffung einer harmonischen Ganzheit des Kunstwerkes. Die unabdingbare stilechte innere Übereinstimmung von Dichtung und Aufführung, die Identität des Dramas und seiner Interpretation werden zur allesbeherrschenden Forderung und zum Charakteristikum des „Weimarer Stils“. Goethes in den „Regeln für Schauspieler“ niedergelegte Punkte machten das Weimarer Theater zur Musterbühne der deutschen Klassik und den in ihrem Geist geformten Pius Alexander Wolff zu deren beherrschenden Protagonisten.

Tasso-Fragment
In der Nacht vom 21. zum 22. März 1825 war das Weimarer Schauspielhaus abgebrannt. „Mit dem Theaterbrande sind nun alle sinnlichen Documente meiner früheren Thätigkeit dieser Art verschwunden; denn das Haus nicht allein, sondern auch Bibliothek, Garderobe bis auf die Requisiten herab enthielten noch Spuren meines früheren Antheils“ schreibt Goethe Ende Mai in einem Brief. Seine Schwiegertochter Ottilie, deren Schwester und Eckermann suchten im Brandschutt nach Reliquien. Tasso-FragmentEckermann fand dabei drei stark verbrannte Fragmente einer „Tasso“-Handschrift, deren unverhoffter Fund auf Goethe einen starken Eindruck machte. An Zelter schrieb er: „Bey Aufräumung des Theaterschuttes fanden sich unter den Trümmern der Bibliothek aus einem von mir noch selbst redigirten Manuscript des Tasso folgende Stellen, die Blätter ringsum angebräunt: […] Erstes Fragment. ‚Wenn ganz was unerwartetes begegnet| Wenn unser Blick was ungeheures sieht,| Steht unser Geist auf eine Weile still,| Wir haben nichts, womit wir das vergleichen.‘ […]“In Pius Alexander Wolffs Nachlass findet sich das Original dieses ersten in Goethes Brief wiedergegebenen Bruchstücks, ein angesengtes Blatt von etwa 19 x 16 cm mit den Versen 3286 bis szenische Bemerkung nach 3303 bzw. den Versen 3305 bis 3324 auf der Rückseite. Bemerkenswert sind darin drei Streichungen, die laut Goethes Bemerkung, er habe den Text „redigirt“, vom Dichter selbst stammen müssten. Diese Streichungen dienten offenbar dazu, dem Text – möglicherweise aus politischer Rücksichtnahme – einiges an Schärfe zu nehmen.
Im Jahre 1807 hatten die Schauspieler der Weimarer Bühne auf Anregung P. A. Wolffs ohne Goethes Wissen den Tasso einstudiert. Die Uraufführung fand unter großem Publikumserfolg am 16. Februar zu Goethes vollstem Beifall statt. – Unter Goethes Theaterleitung war die Rolle des Tasso Wolffs persönliche Domäne.
Als Anerkennung seiner Verdienste um die Aufführung des zwar seit 1790 gedruckten, aber  ursprünglich nur als Lesedrama gedachten „Torquato Tasso“ mag Wolff dieses von Goethe als bedeutend eingeschätzte Tasso-Fragment vom Dichter als Geschenk erhalten haben.

Briefe Goethes
Goethe an WolffVier Briefe Goethes (davon einer ganz eigenhändig) sind im Nachlass P. A. Wolffs enthalten. Sie stammen aus den Jahren 1809, 1811 und 1812. Drei von ihnen sind an Pius Alexander Wolff gerichtet. Sie enthalten die Bewilligung eines Urlaubsgesuches Wolffs für sich und seine Frau Amalie Wolff – ebenfalls eine gefeierte Schauspielerin im Weimarer Ensemble – zum Zwecke einer Gastspielreise; weiterhin eine Anlage zu einem Brief mit „Bemerkungen zu einem Prolog für Halle“, betreffend die Rezitation eines Prologs der Amalie Wolff zur Eröffnung des Schauspielhauses in Halle als Gastspielstätte der Weimarer Schauspieltruppe; der dritte Brief mit Bemerkungen Goethes zu Wolffs Rolle des Romeo; der letzte Brief an Amalie Wolff mit Glückwünschen zu ihrem Geburtstag und einer beifälligen Bemerkung zum Tausch der Rolle „der jähzornigen Frau“ mit ihrer Kollegin Caroline Jagemann.  – Ein vierter ehemals vorhandener Brief an Amalie Wolff ist leider verlorengegangen.

Tieck-Briefe
Außer den unmittelbar mit Goethe in Zusammenhang stehenden Dokumenten im Wolff-Nachlass wurden darin noch weitere Schriftstücke zum Werdegang des Schauspielers Pius Alexander Wolff aufgefunden, darunter sechs Briefe von Ludwig Tieck an Wolff.
Im Jahre 1824 führte der Dichter Ludwig Tieck, seinerzeit Dramaturg am Dresdener Hoftheater, einen Briefwechsel mit Pius Alexander Wolff zum Zwecke eines Engagements des Ehepaars Wolff in Dresden. Im Jahr 1816 waren die Wolffs von Weimar an das Berliner Schauspielhaus gewechselt und hatten dort und auf Gastspielreisen große Erfolge errungen. Die allmählich schwieriger werdenden Verhältnisse am Berliner Theater erweckten Wolffs Wunsch nach einem Wechsel nach Dresden. Im Einverständnis mit dem neuernannten Intendanten von Lüttichau macht Ludwig Tieck dem Ehepaar Wolff die verlockendsten Angebote für ihr neues Engagement, man zeigte sich in Dresden bereit jeden Wunsch Wolffs zu erfüllen. Letztendlich schlug ein Entlassungsgesuch Wolffs in Berlin bei Intendanz und König jedoch fehl, da man auf die Wolffs auf keinen Fall verzichten wollte.
Die Briefe Tiecks sind bereits 1879 in der Monographie von Max Martersteig über Pius Alexander Wolff publiziert worden.

Erinnerungsstücke Wolffs
Ein prächtiger Deckelpokal aus geschnittenem Kristallglas mit vergoldetem Knauf und türkisbesetzten vergoldeten Einfassungen trägt die Inschrift „Faust“. Es handelt sich dabei um ein Geschenk des Fürsten Anton Heinrich von Radziwill an P. A. Wolff. Der Schauspieler hatte dem Fürsten bei der ersten – privaten - Inszenierung der Goethe‘schen Fausttragödie in den Jahren 1819/20 zur Seite gestanden.
Eine Schnupftabaksdose in Form eines Koffers aus Schildpatt mit goldenen Beschlägen ist nach der Familienüberlieferung ein Geschenk Goethes an P. A. Wolff anlässlich seines Abschieds von Weimar an die Königliche Bühne in Berlin.

Der umfangreiche Nachlass enthält weiterhin zahlreiche Briefe und eigenhändige Dichtungen P. A. Wolffs, Briefe und Korrespondenz von Amalie Wolff, Briefe des befreundeten Schriftstellers und Schauspielers Karl von Holtei, des Berliner Intendanten August Wilhelm Iffland u.v.a.



¹ Max Martersteig: Pius Alexander Wolff. Ein biographischer Beitrag zur Theater- und Literaturgeschichte. Leipzig, L. Fernau. 1879.

² Hans-Georg Böhme: Die Weilburger Goethe-Funde. Blätter aus dem Nachlaß Pius Alexander Wolffs. Emsdetten, Lechte. 1950. (Die Schaubühne. Quellen und Forschungen zur Theatergeschichte. Hrsg. von C. Niessen. Bd. 36).

 
RegelnUmschls
Pius Alexander Wolff / J. W. v. Goethe
Regeln für Schauspieler

Erstes Kollegheft, 1803